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Heiß auf die Berge

Irgendwann musste es ja mal passieren, nämlich, dass ich in die Berge muss. An diesem Wochenende bietet es sich an. Ein Freund feiert seinen Geburtstag auf einem Campingplatz in hinter Fischbachau. 70 km südlich meiner Homebase auf 771 m ü. N. Komoot sagt eine “schwierige Rennradtour” mit 640 hm voraus. Ich will schon wieder verzagen, aber der Mann bietet an, mich abzuholen, wo immer ich zusammenbreche. Mit diesem Notfallplan im Hinterkopf mache ich mich bei fast dreißig Grad auf Richtung Südsüdost. Ich bin schon gespannt auf die Gegend um Miesbach, weil mich gerade die Miesbach-Krimis über Wallner und Kreuthner amüsieren, und ich mir endlich ein Bild machen kann.

Moooment. Was soll das denn jetzt werden? Schon wieder ein Tourbericht? So wie jede Woche einer? Laaaangweilig!

Ja, schon. Warum nicht?

Weil in der letzten Zeit von dir nur solche Berichte kommen. Und sonst nichts anderes.  Heiß auf die Berge weiterlesen

Hitzeschlacht

35 °C, in Worten fünfunddreißig Grad Celsius. Das ist heiß. Sehr heiß. Zu heiß, um zum Beispiel die RTF im Münchner Voralpenland mitzumachen. Jedenfalls für mich. Also stelle ich mir den Wecker nicht. Trotzdem werde ich um halb sieben wach. Der Mann kruschelt rum und macht sich für einen Lauf bereit. Tapfertapfer, denke ich und dreh mich wieder um. Kurz darauf meldet sich doch meine Wecker-App, weil die Übertragung des Frankfurter Ironman gleich beginnt. OK, wenn ich mir die schon so gestellt habe, dann versuch ich halt nicht nochmal einzuschlafen. Ist eh sinnlos bei der Hitze jetzt schon. Ich mach also den Rechner an und lass mich von hr-online informieren. Und tatsächlich kommt schon gleich wieder das Gänsehautgefühl, das ich immer bei Großveranstaltungen habe. Muss ich scheinbar gar nicht vor Ort sein. Hitzeschlacht weiterlesen

Und das alles für Pups

Dank meiner hochgeschätzten Dreißigstundenwoche kann ich es mir heute leisten, schon um drei zusammenzupacken. Ich bin mit dem Rennradl in der Arbeit und habe mir etwas besonderes vorgenommen. Eine Tour in den Südosten, in die Gegend von Glonn. Genauer nach Pups. Der Bruder hat neulich so geschwärmt: “Die Gegend um Pups ist sensationell zum Radeln.” Nun gibt es in der Gegend um Pups viele Orte die größer sind und es verdient hätten, dass “die Gegend” nach ihnen benannt wird, Unterlaus zum Beispiel, aber nur wenige davon sind so originell und  passen so schön in die Sammlung lustiger Ortsnamen. Auch deshalb wollte ich da hin. Und weil ich mal testen wollte, ob es denn schon besser mit den Bergen und mir geworden ist und ob ich eine Chance hätte, nächsten Sonntag die Rosenheim-Rundfahrt zu überleben (106 km mit über 800 hm, weil für die 60 km-Runde stehe ich nicht um sechs Uhr auf). Und überhaupt wollte ich mich dieser Herausforderung stellen. Heute 60 km mit 450 hm hört sich jetzt ja nicht sooo schrecklich an. Den ganzen Tag über schütte ich Wasser in mich hinein, renne in der Folge dauernd zum Klo, nur dass mein Vorhaben nicht an Austrocknung scheitert. Und das alles für Pups weiterlesen

Dunkelheit im Mittsommer

Freitag später Nachmittag. Ich sitze am Computer und surfe ziellos herum. Platt von der Woche und vom Tag. Und langsam merke ich, wie meine Augen schwer werden. Das ist schlecht, weil ich nämlich später um neun fit sein muss. Ich muss heute noch telefonieren mit Kolleginnen in Arizona und Canada. Wegen der vielen Zeitzonen zwischen uns muss eine immer in den sauren Apfel beißen und zu unorthodoxen Zeiten bereit stehen. Heute bin ich halt dran. Aber bis neun ist ja noch hin.
Draußen steht das Radl auf der Terrasse und lächelt mir zu. Ich würde gerne die Bergtauglichkeit des Rades optimieren. Und dazu musste ich Zahnräder und Zähne zählen, damit der Freund vom Bruder, seines Zeichens Müsing-Händler und quasi umme Ecke, was Qualifiziertes dazu sagen kann.
Also Rad eh schon aus dem Schuppen, draußen mal gerade kein Regen, Abendbrot macht sich bestimmt irgendwie von selbst, also rauf aufs Rad und eine Stunde zum Aufwachen in den Wind.
Und winden tut es tatsächlich. Dicke dunkle Wolken ziehen über den Himmel. Die Luft ist kalt und es ist viel zu dunkel und diesig für die Jahres- und Tageszeit. Trotzdem macht mir die Kurzrunde Spaß. Die ganze Woche habe ich mich nicht bewegt. Meistens war das Wetter schlecht. Und ich war auch immer ein wenig müde, was natürlich am Wetter liegt, und  vielleicht auch ein bisschen auch daran, dass ich mir in den letzten drei Nächten alle zwölf Folgen von Sense8 ansehen musste und nicht aufhören konnte, weil ich natürlich wissen wollte, wie es weiter- und ausgeht. Unglaublich spannend und das Thema finde ich toll Kann ich nur empfehlen!
Nach einer Stunde lockeren Tretens reicht es auch und ich docke wieder daheim an. Morgen soll es auch nochmal zwei Stunden am Vormittag geben, in denen es nicht regnet. Ich werde meine Wollunterwäsche anziehen und hoffen, dass ich dieses Zeitfenster erwische.

Olympisch

Ich habe mich bei Freundinnen in Feldafing am Starnberger See angekündigt und beim Radlkollegen den besten Weg dorthin angefragt. Zurück kam von ihm seine “kleine Runde um den See”: 120 km, 850 hm. Aber lauter schöne Wege. Nach meinem Rekordflug letzte Woche schien mir das jetzt nicht vollkommen abwegig. Also beschäftige ich mich am Vorabend intensiv mit der Streckenführung. Ich schreibe mir jede Kreuzung auf, wenn nötig mit Kilometerangabe dazu und schicke mir diese Liste per Mail aufs Handy. Weil mein Handyakku so eine lange Tour auf jeden Fall nicht durchhält, wenn ich ihn immer mit komoot oder Google Maps belaste, und meine Garmin-Uhr die Funktion “Strecke an Gerät senden” verweigert, probiere ich es halt mal so.

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Paese bavarese con bellissime piste ciclabili

Urlaub vorbei, wieder daheim. Die Rückfahrt war etwas beschwerlich. Beschwerlicher als sie hätte sein müssen. Ich fand es nämlich eine gute Idee, schon am Freitag Abend heim zufahren und nicht den gesamten Samstag im vermeintlichen Stau zu stehen. Diese Idee war super, so super, dass sie etwa zwei Millionen andere Münchner, Münchner Umländer und Franken auch hatten. So einen grandiosen Stau habe ich noch nicht erlebt. Da ging zeitweise gar nichts zwischen Affi und Trento auf fünfundzwanzig Kilometern. Grobe Fehleinschätzung der Gesamtsituation und grobe Fehleinschätzung der durchschnittlichen Geschwindigkeit in einem Stau. Der Bruder ist nach uns losgefahren und profitiert von unserer Erkenntnis. Er nimmt die Landstaße, umfährt den Stau und spart so zwei Stunden.
Inmitten dieses Desasters beschließe ich zu forschen, ob wir im Sommer nicht komplett ohne Auto, sondern im Zug nach Norddänemark kommen und dort auch genug Bewegungshorizonte haben. Die Räder könnten wir ja trotzdem mitnehmen oder voraus schicken. Entspannter wäre das schon.

Punkt drei Uhr neunundfünfzig mache ich das Auto vor der Tür aus, der Horizont färbt sich schon leicht hell. Den ganzen Samstag hängen wir vollkommen übernächtigt herum. Immer wieder schaue ich nach, ob der Samstagsstau kommt, aber so richtig doll wird es nicht. OK. Wieder was gelernt. Für den Fall, dass wir nochmal in den Pfingstferien nach Gardasee fahren sollten.

Bevor mich der Alltag morgen wieder erwischt, beschließe ich noch eine Radtour am Sonntag. Auch, um meinem Radl und mir zu zeigen, dass es tatsächlich schönen Asphalt ohne metertiefe Schlaglöcher, dass es sowas wie Radwege, exklusiv für Zweiräder, und dass es auch in Bayern schön heiß sein kann.
Ich fühle mich gut und deshalb entscheide ich mich für eine Route gen Süden, also nach oben zu fahren. Auf halber Strecke mach ich ein Päuschen und lasse mir von meiner Nichte einen Bananen-Joghurt-Eis-Shake kredenzen. Sehr lecker und genau das richtige für die Zeit/Temperatur/Anstrengung.
Ich lasse mir vom Bruder seinen Lieblingsweg erklären, den ich natürlich wieder verpasse. Ich bin so schlecht im Routenmerken und -finden. In diesem Fall ist das zum Glück nicht weiter schlimm, weil ich noch fit bin und eh einen größeren Schlenkerer machen will.
Irgendwann sehe ich, dass ich einen Schnitt von knapp 25 km/h fahre, ich trete also nochmal kräftig rein und schaffe, bis kurz vor daheim tatsächlich einen Schnitt von genau 25,00 bei Garmin und 24,98 bei Endomondo. Zum Ausgleich für die unterschlagenen 0,02 km/h verleiht mir Endomondo einen Pokal für die schnellsten fünfzig Kilometer ever. Satte vier Minuten schneller als die vorherigen. Juchuh. Und knapp 300 Höhenmeter waren auch dabei.

Lavendel, Oleander, Jasmin …

Okay, Lavendel habe ich noch keinen blühen gesehen, dafür ist die Luft über und über gefüllt mit anderen Düften, Jasmin vor allem. Dies und eine beiläufige Erwähnung der fast dreißig Grade Celsius unter blauem Himmel sollen an dieser Stelle genügen, um dem geneigten Publikum, die Szenerie verdeutlichen.

Mein selbstgewähltes Trainingslager schlaucht ganz schön – und macht unglaublich Spaß.

Bruder in Italien
Bruder in Italien

Tag zwei war ich mit dem Bruder unterwegs, der am selben Campingplatz und auch mit Rennrad Urlaub macht. Ich führe ihn auf meinem gestrigen Wege aus dem großen Ort und weg von der Uferstraße, hinein ins Hinterland. Ab da mach ich es mir leicht und reise hinter ihm her. Wir folgen dem Mincio gen Süden, geraten in Valleggio in einen Ausflügler-Auflauf. Dort gibt es nämlich einen Garten, der anno 2013 der schönste Italiens war und zwei Jahre später wohl immer noch sehenswert ist.
Weiter Richtung Volta Mantova. Unten am Mincio scheint es schön zu sein. Ganz viele italienische Autos parken dort. Ich habe das Gefühl,  einen geheimen Treffpunkt der Einheimischen gefunden zu haben, irgendwo im Hinterland, nachdem ihr schöner See fest in deutscher Hand ist.
Wir trudeln weiter durch die Hügellande. Der Bruder, deutlich fitter als ich, schraubt sein übliches Tempo herunter, damit ich mitkomme.
In Castiglione delle Stiviere teilen wir uns seine Banane und planen den Heimweg mit komoot. Die Bedienung der App sowie die Routenansage, die uns in Astore eine Strafrunde von zwanzig Minuten sowie eine Schotterpiste beschert, veranlassen den Bruder, auf diesem Wege allen zu sagen, dass auf komoot kein Verlass ist. Richtig so, Bruder?
Jedenfalls hat uns das so viel Zeit gekostet, dass wir von Pozzolengo direkt ohne Umwege zum heimatlichen Wohncontainer radeln und dort direkt in den See springen.
Das waren gut fünfundsiebzig Kilometer mit fast vierhundert Höhenmetern. Ich bin zufrieden und kann den Rest des Tages wieder rumlümmeln.

Tag drei des Trainingslagers besteht aus ein wenig Tischtennis spielen, noch weniger Paddeln und einem winzigem Ausritt am Abend. Nachdem ich die Anhöhe von Colá überlebt habe, entdecke ich kleine Sträßelchen durch die Weinberge, die große Ähnlichkeit mit Radwegen bei uns daheim haben. Das muss ich unbedingt dem Mann zeigen, der von einer Tour auf der Uferstraße bis Sirmione noch schwer traumatisiert ist.

20150602_110339Tag vier sollte mich eigentlich nach Verona bringen. Doch der Mann will mit und so können wir den Sohn nicht so lange allein lassen. Der Bruder kommt auch mit. Er hat seinen Berg gestern bezwungen (den Namen muss ich mir auf absehbare Zeit nicht merken) und hat heute Muße für eine Erholungsfahrt.
Ich führe die Herren durch die gestern gefundenen Weglein bis zur ersten Steigung, an der ich die Führung ganz schnell abgebe. Überhaupt gebe ich an jeder Steigung ganz viel ab: Tonnen von CO2 mit der Puste, Geschwindigkeit und Schnauftöne. Aber ich schaffe diese blöden Hügel alle. Das war nicht immer so.
Der Mann mit seinem Mountainbike kurbelt im letzten Gang locker-flockig neben mir her und gibt mir den guten Rat, doch mal runter zu schalten. Witzbold. Ich bin schon lange im kleinsten Gang. Hab halt nichts kleineres im Angebot.
Bis Bussolengo geht es immer auf und ab. Unten am Fiume Adige besteht der Mann auf eine Kaffeepause und wir beobachten Rudel von Rennradfahrern, die hier unterwegs sind. Der Heimweg führt uns die Etsch hoch und tatsächlich über einen echten ausgewiesenen Radweg. Einmal noch über den Hügel und dann im wesentlichen nur noch bergab zum See.
Diese fünfunddreißig Kilometer waren richtig anstrengend und ich bin froh, lebendig angekommen zu sein.

Reine Definitionssache

Tag 1 im Trainingslager. Nein, nur Spaß. Natürlich kein Trainingslager, nur ganz normaler Urlaub. Mit der Familie am Gardasee. Aber die Räder sind dabei. Ich habe mich fürs Rennrad entschieden. Und freue mich über diese Entscheidung. Schon in Vorfeld, als ich mich zusammen mit komoot auf die Gegend vorbereitet habe.
Unser Domizil ist am südlichen Ende des Sees, da wo es flach wird.
Heute morgen nach dem Frühstück packt es mich gleich mal. Mann und Sohn testen den Pool und ich schwinge mich auf’s Rad.
Die Uferstraße ist verstopft mit Bettenwechslern, Radwege nur sporadisch aufgemalt, insgesamt kein Genuss. Beim nächsten Kreisverkehr flüchte ich in eine der kleineren Straßen. Entlang am südlichen Abfluss des Sees, vorbei an etlichen Agriturismi, und immer wieder von italienischen Kamikazefahrern überholt. Die sind echt hart drauf. Ich sehe mich des öfteren schon im Graben liegen.

Trotz meiner intensiven Vorbereitungsarbeit habe ich nur wenig Ahnung, wo ich lang fahre. Und weil ich keine Lust auf Anhalten und Karte schauen habe, fahre ich nach Kompass. Eine Stunde nach Süden, und dann wieder eine Stunde nach Norden. So in etwa. In der Realität nicht ganz so, denn wo es eins gibt, folge ich einem Radwegschild, um zu sehen, was die sich unter Radweg vorstellen. Oder, wenn die aktuelle Straße nicht so toll ist, und die an der Abzweigung einen schöneren Belag hat, nehm ich halt die.
So komme ich durch lauter nette Dörfer. Nichts spektakuläres, eher authentisch, würde ich sagen. Erholsam echt italienisch, in Gegensatz zu unserem Campingplatz. Aber das nur am Rande.
Italien ist übrigens das Land der Rennradfahrer und, was mich ganz besonders freut, auch der Rennradfahrerinnen. Alle paar Minuti kommen mir welche entgegen. Und tatsächlich drei von denen waren Frauen.
Gegen zwölf mache ich mich dann wieder Richtung heimatlichen Wohncontainer auf. Der rot-weiße Torre del Kraftwerk ist mein Anhaltspunkt.
Das letzte Stück an See entlang ist wieder nervig, aber nicht lang. Das war Trainingslager, der Rest des Tages ist Urlaub.

Donauradweg IV: Tulln – Wien (und wieder ganz heim)

Donnerstag morgen, Tulln, Regen, dem Haar ist es egal. Aber mir nicht. Auch ist mir nicht egal, dass meine Radelhose nach der gestrigen Handwäsche noch nicht ganz trocken ist. Toller Anfang: Oben nass, unten nass und kalt überall. Ich ziehe erstmal alles an, was ich dabei habe, zum warm werden.

Zunächst müssen wir zum Bahnhof die Rückfahrkarte kaufen. Die ÖBB-Angestellte am Schalter ist entweder selten doof oder selten schlau. Auf jeden Fall verkauft sie uns Karten und Platzreservierungen für einen Zug, der gar nicht fährt. Auf unserem persönlichen Fahrplan-Ausdruck sehen wir, leider erst  am nächsten Tag, den Hinweis, dass genau dieser Zug, der uns von Salzburg nach München bringen soll, wegen des Bahnstreiks nicht fährt. Grmpf.
Aber weil wir das erst am nächsten Tag bemerken, habe ich jetzt auf der letzten Etappe keine Ablenkung: Der Weg geht schnurgerade. Alles ist grau. Ich habe keinen Bock und muss alle fünfzehn Kilometer eine Pause machen. Macht nix. Wir haben es ja nicht eilig. Bis Wien sind es nur vierzig Kilometer und weil wir nicht genau wissen, ab wann wir ins Hotel dürfen, trödeln wir halt auf dem Weg herum.

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Donauradweg III: Melk – Tulln

Der dritte Tag führt uns durch die Wachau. Ich war gespannt. Hab ja schon viel gehört, von der Wachau bzw. über sie. Aber so konkrete Vorstellungen hatte ich nicht, nur halt, dass es schön sein soll. Also los. Der Weg führt uns durch Dörfer, Weinberge und Marillenbaumgärten (gibt es das Wort?).

Dunst in der Wachau
Dunst in der Wachau

Ein Fleckchen malerischer als das andere. Weinorte, die nur aus Heurigen und Hotels bestehen lassen einen ahnen, wie es hier zugeht, wenn die Sonne scheint. Tut sie aber nicht, und deshalb ist es recht beschaulich. Wir reisen zusammen mit zwei drei anderen Paaren und der gelegentlichen Rentnertruppe auf ihren E-Bikes mit breiten Fellsatteln. “Zusammen reisen” heißt in diesem Fall. Wir überholen die, werden überholt, wenn wir mal Pinkelpause machen, überholen dann die wieder und so weiter. Ein erweiterter belgischer Kreisel, ohne Windschattennutzen allerdings, aber den braucht es heute wieder nicht. Der Westwind treibt uns voran. Nur in manchen komischen geo-meteorologischen Konstellationen bläst uns eine Böe ins Gesicht.

Klein aber oho
Klein aber oho

Weiter durch die Museumslandschaft. In Willendorf muss ich kurz der Venus huldigen. Dann Dürnstein auf der Anhöhe mit dem Richard-Löwenherz-Hotel. Später lerne ich, dass Richard Löwenherz tatsächlich hier genächtigt hat seinerzeit. Allerdings nicht in einem Hotel sondern im Kerker. Er war nämlich als Gefangener im Ort. Könnte ein Fall von Geschichtsverklärung sein. Dem Richard ist’s vermutlich egal. In Krems dann die erste Pause mit Kaffee und einer sensationellen gebackenen Rhabarbertorte. Wieder einmal bin ich verzückt von Österreichs Mehlspeisen. Das können sie wirklich gut.

Inzwischen ist es so richtig kalt geworden. Beim Fahren geht es, aber draußen zu sitzen ist unangenehm. Ich wickel mich in die Decken, die freundlicherweise bereit liegen. Wir hätten auch hinein gehen können.

Melk - Tulln
Melk – Tulln

Die Wachau liegt jetzt hinter uns und wir begeben uns ins Tullnerfeld. Am nächsten Tag höre ich, dass Wiener und solche, die südlich von Wien leben, das Tullnerfeld gerne als Steppe abtun. Ich finde das ein bisschen gemein, denn ich mag flache Landschaften sehr. Hatte ich schon mal erwähnt, oder? Gemein ist auch, dass immer die vermeintlich unattraktiven Gegenden Kernkraftwerke verpasst bekommen. Dabei hat in Tulln der König Etzel seine Krimhild begrüßt. Das ist mal ordentliche Geschichte.

Kurz hinterm Kraftwerk fängt es wieder zu regnen an. Erst wenig, dann normal und dann ordentlich. Vollkommen nass fahren wir nach Tulln ein und finden auch gleich am Hauptplatz ein Restaurant, was uns Wärme und Leberknödelsuppen gewährt. Das hilft über die erste Verzweiflung hinweg. Bis Wien sind es noch vierzig Kilometer. Der Mann jammert, dass er nicht mehr sitzen kann. Ich will weiterfahren. Hauptsächlich, weil ich nicht einen Tag in Tulln vertrödeln und die Zeit lieber in Wien verbringen würde. Außerdem: Was sind schon vierzig Kilometer? Und übrigens, wir sind schon im S-Bahn-Bereich. Nur mal so erwähnt.
Ich rufe in Wien in unserem Hotel an und frage, ob wir schon einen Tag früher kommen dürfen. Dürfen wir nicht, sie sind voll. Oh. Unerwartet.
Wir erörtern unsere Prioritäten:

  1. Mit dem Rad in Wien einfahren? Sehr wichtig.
  2. Auch heute noch am Abend und bei Regen? Nicht sehr wichtig.
  3. Lieber dafür morgen in Ruhe und dafür weniger von Wien sehen? Ja. So machen wir es.

Auf der anderen Seite des Hauptplatzes finden wir die Pension am Springbrunnen, in der wir eine riesige Maisonette-Ferienwohnung für recht wenig Geld anmieten. Mit Mikrowelle, heißer Dusche und Couchgarnitur vor dem Fernseher. Tulln hat auch seine schönen Seiten.

Dann morgen also Wien.