Donauradweg IV: Tulln – Wien (und wieder ganz heim)

Donnerstag morgen, Tulln, Regen, dem Haar ist es egal. Aber mir nicht. Auch ist mir nicht egal, dass meine Radelhose nach der gestrigen Handwäsche noch nicht ganz trocken ist. Toller Anfang: Oben nass, unten nass und kalt überall. Ich ziehe erstmal alles an, was ich dabei habe, zum warm werden.

Zunächst müssen wir zum Bahnhof die Rückfahrkarte kaufen. Die ÖBB-Angestellte am Schalter ist entweder selten doof oder selten schlau. Auf jeden Fall verkauft sie uns Karten und Platzreservierungen für einen Zug, der gar nicht fährt. Auf unserem persönlichen Fahrplan-Ausdruck sehen wir, leider erst  am nächsten Tag, den Hinweis, dass genau dieser Zug, der uns von Salzburg nach München bringen soll, wegen des Bahnstreiks nicht fährt. Grmpf.
Aber weil wir das erst am nächsten Tag bemerken, habe ich jetzt auf der letzten Etappe keine Ablenkung: Der Weg geht schnurgerade. Alles ist grau. Ich habe keinen Bock und muss alle fünfzehn Kilometer eine Pause machen. Macht nix. Wir haben es ja nicht eilig. Bis Wien sind es nur vierzig Kilometer und weil wir nicht genau wissen, ab wann wir ins Hotel dürfen, trödeln wir halt auf dem Weg herum.

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Spreu vom Weizen

Dafür, dass wir so nah an einer Großstadt sind, bleibt es sehr lange sehr grün. Der Weg leitet uns durch “Kleingarten-Siedlungen” mit Häusern größer als manches Haus in München. Die Wochenend- und Unterderwochehäuser stehen hier allesamt auf Stelzen, die Wohnetage ist oben. Sie werden ihren Grund dafür haben. Je mehr wir uns der Stadt nähern umso mondäner wird es. Modernste Architektur neben dem hölzernem Clubhaus des Paddelvereins mit morbidem Charme.

 Und endlich endlich das Ortsschild. Wir schleichen uns quasi durch die Hintertür nach Wien ein, deshalb ist es nicht so noblig hier, und die Blumengirlanden und fähnchenschwenkenden Kinder sehe ich nur vor meinem inneren Auge. Geschafft.
Auf dem Weg in die Innenstadt überholen wir noch mal die Schwaben, die wir in der Wachau auch schon ein paar mal überholt hatten.

Durch die Hintertür
Durch die Hintertür

Wir folgendem den Schildern Richtung Zentrum. Irgendwann sind wir zentrumsnah genug und müssen den Radweg am sicheren Donaukanalufer verlassen und uns in den Stadtverkehr stürzen. Laut und schnell und die Radwege sind nur auf die Straße gemalt. Irgendwie bin ich das gar nicht mehr gewöhnt. War die letzten Tage so schön ruhig.Gegen eins finden wir unser Hotel am Prater und dürfen sogar schon einchecken. Der Mann beschließt, dass er heute kein Rad mehr fahren will, und so bringen wir die Räder in die Hotelgarage. Nach der notwendigen Dusche stürzen wir uns in notwendige Tourismusprogramm: Erstens Riesenrad im Prater fahren von wegen dem Überblick. Dann Tour in einem Stadtrundfahrtsbus mit Infos über den Kopfhörer. Früher hätte ich sowas ja nie gemacht. Inzwischen genieße ich die Fahrten und auch die Geschichten und Geschichte, die in diesen Bussen erzählt werden. Ist auch ein Zeichen des Älterwerdens, fürchte ich.

Tulln - Wien
Tulln – Wien

Geplant war eigentlich die Zeit zwischen Ende Stadtrundfahrt und dem Treffen mit Freunden in einem Kaffeehaus zu verbringen. Leider hat der Bus aber so viel Verspätung, dass wir gerade so um fünf am vereinbarten Treffpunkt ankommen. Der Kuchen für diesen Tag muss ausfallen, denn der Freund will uns noch durch die Stadt führen. So sehen wir die pompösen Bauten noch einmal zu Fuß und mit den Kommentaren eines Eingeborenen. Zwischendurch geraten wir noch in eine ESC-Party und kommen endlich zu dem Beisl, dass er für uns auserkoren hat. Das erste Bier zischt und das obligatorische Wiener Schnitzel mundet. Es ist ein netter Abend.

20150521_165031Freitag Morgen, zwischen 5:30 und 5:40 klingeln die Wecker-Apps. Unser Zug fährt um 6:55 ab Westbahnhof, der einmal quer durch die Stadt liegt. Ohne Frühstück, quasi mitten in der Nacht, gegen den West-Sturm, tendenziell bergauf und unter Zeitdruck zum Zug rasen. So sollte kein Tag anfangen.
Dann sind die Räder in ihrem Wagon, wir in unserem. Kaffee und Quarktaschen vor uns und der Zug rollt pünktlich los Richtung Heimat. Am Turm der Garant Tierfutterfabrik und in Ybbs merke ich, dass wir Teile der Radstrecke jetzt wieder zurückfahren. Das ist surreal. Ein Film der sich zurückspult. Zum Glück nimmt der Zug ab Linz eine andere Route gen Salzburg und ich sehe Neues.
Wie gesagt, fünf Minuten vor Salzburg lese ich den Hinweis auf den ausfallenden Zug und gerate kurz in Panik. Aber nur kurz, denn Salzburg und München sind ganz gut verbunden. Wir können mit unseren Tickets den Meridian nutzen, der uns dann um Mittag rum in München-Ost ausspuckt. Da der Sohn im Bayerischen Wald auch vom Bahnstreik betroffen ist und eine Stunde später als geplant ankommt, haben wir noch Zeit heim zu fahren, zu duschen und dann in aller Ruhe zum Bahnhof zur Familienvereinigung zu fahren.

Fazit: Wir waren nur fünf Tage weg, aber es kam uns vor wie fünf Wochen. Radreisen ist schon was besonderes und ich werde das auf jeden Fall noch einmal machen wollen. Es gibt noch so viele Flüsse, die abgeradelt werden müssen.

5 Gedanken zu „Donauradweg IV: Tulln – Wien (und wieder ganz heim)“

  1. Liebe Alexandra,
    wahnsinn. Ihr habt es geschafft. Tolle Reise.
    Tolle Berichte. Und genug Regen.
    Die Mosel kann man auch gut mit dem Radel erkunden. Wenn ihr das mal plant und in die Nähe von Trier kommt, dann weiß ich schon wo ihr einen Zwischenstop machen könnt 🙂
    Liebe Grüße
    Helge

  2. Liebe Andra,
    wow! Ich bin beeindruckt, dass ihr die ganze Strecke durchgehalten habt. Ich hab hier des öfteren im Regen gestanden und für euch gehofft, dass ihr im trockeneren Teil der Strecke seid!
    Euer Ausflug klingt wirklich toll und hat sicher Spass gemacht! 😀

    PS noch zum vorherigen Kommentar: Der ESC läuft ja auf mehreren Programmen – ich hab ihn auf ARD angeschaut! 😉

    1. Ich glaube inzwischen, im Regen fahren ist nicht so schlimm, wie im Haus zu sein und im Regen den Mülleimer raus bringen zu müssen. Außerdem komm ich mir so heldinnenhaft vor, wenn die Kreuzfahrtschiffpassagiere uns neben sich am Damm sehen und sich denken, a) diese Armen oder b) diese Helden.

    2. Also grundsätzlich mag ich Regen ja sehr gerne… (wie man vielleicht an meinem Blogger-Namen erkennen kann 😀 ) aber radeln im Regen finde ich einfach nur doof. Und so kalt, wie es hier die letzte Woche geworden ist, gleich noch doofer! 😉
      Daher – Heldin: ja absolut! 🙂

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