In vollen Zügen

Dies ist noch ein Nachtrag zu meinem Berlin-Trip. Weil der vorige Beitrag eh schon recht divers war und die Fahrradschau ein wenig zu kurz gekommen ist, berichte ich von den sechzehn Stunden Zugfahrt hier gesondert.

Morgens um sieben ist der Zug noch leer

Hinfahrt an einem Donnerstag im IC vor sieben ab München. Am Tag vorher nochmal zum Bahnhof gefahren, weil ich über die App keine Fahrradkarte bekommen habe, das Reisebüro mir keine verkaufen wollte (“die andere Fahrkarte konnten Sie ja auch online kaufen”), und im Lottoladen die Bahnverkaufsmaschine sich gerade aktualisiert und ein Ende nicht absehbar ist. Am nächsten Morgen: Stellplatz im leeren Radabteil, Sitzplatz angrenzend mit Steckdose und Tisch. Sechs Stunden,  um am Re-Design meines Blogs zu arbeiten. Schön!

Die Rückfahrt ist schon ein bisschen anstrengender. Das Fahrrad hat seinen Platz, ich nicht, also bleibe ich einfach neben ihm stehen bis in Leipzig ein Sitzplatz frei wird. In Saalfeld wird unser Zugführer krank und muss von Sanitätern abtransportiert werden. Der Ersatz ist aber schon unterwegs  und so verlieren wir nur ein kleines Stündchen. Macht nichts. Ich liege gut in der Zeit, die Schwiegeltern erwarten mich erst zum Abendbrot.

Die Zeit zerfließt und die Schilder auch

Im Regionalzug ab Bamberg sitze ich einem jungen Mann mit Instrumentenkoffer gegenüber. Ich rätsel lange, was das wohl für ein Instrument sei, komme auf nichts und frage dann. Das hätte ich besser mal nicht gemacht, denn zwischen Hassfurt und Bad Kissingen (inklusive einem Zugwechsel mit Wartezeit in Schweinfurt) erfahre ich alles, aber auch wirklich alles über Bariton- und Tenorsaxophone der Dreißiger bis frühen Fünfziger Jahre, insbesondere der Firma Martin, alles über gute und schlechte Lehrer und Beziehungen zu Instrumenten, zwischenmenschlich sozusagen, über die Philosophie des Improvisierens im Jazz und wie sie sich auf die eigene Lebensphilosophie auswirkt, und wie es sich anfühlt am Monatsanfang sein gesamtes Monatsgehalt für ein Musikinstrument ausgegeben zu haben. Au Mann, das war schon recht intensiv und hatte auch so ein bisschen aspergersche Züge, denn die Konversation war sehr einbahnstraßig. Ich habe dann irgendwann nur noch passende Geräusche gemacht, weil meine Fragen oft nur mit einem langen, sehr langen Augenstarren quittiert wurden. Und sonst nichts. Creepy.  Jedenfalls war ich froh, als der Zug in Bad Kissingen einfuhr und ich und mein neues Wissen über Saxophone uns ganz schnell vom Acker machen konnten.

So ganz schnell war es dann später gar nicht mehr, denn ich musste ja in die Rhön hoch zu den Schwiechereltern. 500 Höhenmeter insgesamt auf fünfzehn Kilometern. Nur?, sagen jetzt die einen. Ich sage: “Puh”. Aber irgendwann bin ich da,  kriege ein ordentliches Abendbrot und falle um neun ins Bett und träume nicht von Saxophonen.

Am nächsten Tag fahre ich die Belohnung für die gestrigen Mühen ein, denn zum Bahnhof geht es jetzt hauptsächlich bergab. Allerdings auf so verschlungenen Pfaden, so dass ich meinen vorgesehenen Zug dann doch verpasse.

Drei Räder im Regionalzug nebeneinander

Bad Kissingen – München sind gute vier Stunden in drei Regionalzügen und die waren allesamt angenehm. Voll natürlich,  und ich bin die meiste Zeit gestanden, aber über das Rad hatte ich lauter nette Gespräche. Mit dem älteren Herrn, der sein Klapprad dabei hatte und in Bad Kissingen seine Frau im Krankenhaus besuchte. Mit dem jungen Vater, der auf Dienstreise in die bayerische Provinz fuhr und sein Stadtrad (Herkules, Pink) dabei hatte, um am Zielort kein Taxi fahren zu müssen. Neben dem pinken Herkules hatte er noch ein Reiserad mit dem er reist (British Columbia, Schottland) und ein Rennrad (er pendelte öfter Regensburg-Ingolstadt). Wir überlegen gemeinsam, warum es mehr Frauen als Männer gibt, die solo radreisen. Wir tauschen uns aus über die Frauen, deren Weg durch die Welt wir beide verfolgen. Richtig nett. Das einzige, was mich wirklich gestört hat, war, dass er mich ganz penetrant gesiezt hat. Ohweh, ich werde alt, wenn mich jetzt schon die Umdiedreißiger siezen.

Links: 

  • Joas, der Kettenpeitscher fuhr letztes Wochenende auch mit dem Zug nach Berlin und hat davon auch einiges zu berichten
  • Jochens Zugfahrt nach Berlin war dagegen unspektakulär

3 Gedanken zu „In vollen Zügen“

  1. Liebe Alexandra,
    wow, gegen deine Reiseerlebnisse war meine gestrige 4stündige Zugfahrt ja geradezu laaaangweilig! Ok, ich hatte allerdings auch kein Rad dabei! 😉 Die ÖBB ist ja sehr unwilig in dieser Hinsicht. Es gibt schon kaum mehr Züge, die von Salzburg nach Dornbirn durchfahren und die nehmen wiederum keine Räder mit. Gut ich würde es (diesesmal) eh nicht brauchen, weil ich hier alles fußläufig erreichen kann.
    Um deine Begegnung mit dem Musiker beneide ich dich nicht – auch wenn ich herzlich über deine Schilderung lachen konnte! 😀

    Das “neue Gesicht” deines Blogs gefällt mir sehr gut! 🙂

    1. Liebe Doris, wenn man nicht so viel Wert auf das “Durchfahren” legt, kommt man mit dem Rad im Zug eigentlich fast überall hin. Es geht ja seit einiger Zeit das Gerücht, dass der ICE jetzt auch Räder mitnimmt. Das muss aber noch durch Augenzeugen bestätigt werden. Wegen dem Musikus: Manche Geschichten kann man sich einfach nicht ausdenken 🙂

  2. Köstlich 🙂 So kann’s einem gehen, wenn jemand eine Reise tut. Einen kranken Zugführer hatte ich auch noch nicht. Und die Begegnung mit den Saxophonisten kann ich mir förmlich vorstellen … Und Glückwunsch zum Umbau des Blogs 🙂 heller, freundlicher, besser vom Layout und weg vom alten WordPress-Standard.

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