In der Morgensonne warten Frauen auf Rennrädern auf den Start

Siehste wohl, geht doch!

Was hab ich mir Gedanken gemacht, gerechnet, gezweifelt, geplant, gegrübelt. Und dann ging alles ganz schnell und es war super schön. Acht Monate Vorbereitung physisch wie psychisch für zwei Stunden und vierundvierzig Sekunden Rennen. Siehste wohl, geht doch. Und wie es ging!

Tag 1 vor X : Ausflug nach Hamburg für 1. Startnummer abholen 2. Wettkampf-Tüte mit Werbung und Alpecin-Shampoo entgegennehmen 3. Exhibition auf dem Rathausmarkt genießen 4. Handschuh-Schnäppchen kaufen 4. mit Onkel und Tante treffen 5. essen gehen, 6. Elbphilharmonie angucken und 7. wieder heimfahren 8. Siebensachenpacken 9. früh schlafen gehen.

Morgendämmerung vor einer Waldsilhouhette.
Vor dem Aufstehen aus dem Haus. Müdigkeit schlägt Nervosität.

Tag X: Der Wecker klingelt als noch eine vier vor den zwei Punkten steht und es noch nicht mal hell ist. Um sechs fährt der Zug im etwas entfernten Ort. Eine weitere Stunde später sind wir in Hamburg Dammtor, mit genügend Zeit vor dem Start. Genügend Zeit, um über die Kleidungsfrage nachzudenken. Ich entscheide mich gegen Jacke und für Kurz, obwohl es noch ein bisschen frisch ist. Der Mann gibt mir den Rat: Wenn dir kalt wird, musst du schneller treten. Ich sortiere mich in den Frauenblock ein, mittleres Starterfeld. Lauter Frauen wie ich, von Form und Alter her. Ich fühle mich wohl, die Nervosität schwindet deutlich. Schwätzchen mit einer, die genauso unerfahren ist. Das tut gut. Nach dem Start fahren wir ein Stücken nebeneinander her und treffen uns immer mal wieder. Genauso wie ich immer mal wieder die selben Namen sehe. Die Rücken von Sandra, Nina, Jessica kenne ich jetzt gut, ihre Gesichter weniger.

In der Morgensonne warten Frauen auf Rennrädern auf den Start
Frauenblock vor dem Start

Fünf – zehn – fünfzehn Kilometer. So langsam komme ich in Tritt. Finde immer wieder Löcher in den Menschenknubbeln, die mich entspannt fahren lassen. Lieber fahre ich mal ein bisschen langsamer und lasse eine Gruppe vorbei, als dass ich mich in den Pulk einsperren lasse, denn inzwischen sind wir schon am zweiten Unfall vorbeigekommen. Auf einer großen Bundestraße, autobahnähnlich und gesperrt für uns fällt vor mir ein alter Mann vom Rad. Ich steige ab und helfe ihm und seinem Rad von der Straße bevor er von der heranfahrenden Meute überfahren wird. Mit etwas schlechtem Gewissen fahre ich weiter, bevor der Notarzt da ist.
Etwa zur Hälfte der Rennstrecke schaue ich mal auf mein Garmin. Bisher hatte ich nur die Kartenansicht in der Anzeige, hatte mir die Geschwindigkeitsanzeige verboten. Aber: 29 km/h Durchschnitt. Wow!

Die zweite Hälfte der Strecke begrüßt uns mit einigen Gegenwind-Kilometern und nicht ganz so perfektem Straßenbelag. Jetzt sind alle nicht mehr so hektisch, habe ich den Eindruck. Ich genieße die Landschaft, den Blick auf die Elbe irgendwann, winke den Winkern am Straßenrand zu (weil ich weiß, dass die sich freuen, wenn ein Feedback aus der Masse kommt). Und kurz denke ich über die 120-Kilometer-Runde nach. Ein bisschen bin ich enttäuscht, dass die vielen Monate und Trainings-Kilometer nicht die Form dafür brachten, aber was soll’s. Ist halt so.

Rennradfahrer und -fahrerinnen, die ihr Rad durch die Finisher-Zone schieben.
Wir sind fertig.

Kurz vor Kilometer vierzig werde ich nervös, denn da kommt der schlimme Anstieg von Blankenese. Innerlich auf Absteigen vorbereitet bin ich sehr erstaunt, dass ich zum einen fahre und zum anderen sogar an einigen vorbeiziehe. Gutes Gefühl — trotz des 170er-Pulses. Und dann ist der Anstieg* geschafft. Ich bemühe mich um ein Lächeln in die automatische Fotoanlage, fahre durch das Luftschlauch-Tor und genieße die Abfahrt. Das war’s. Die restlichen fünfzehn Kilometer trete ich zügig und oft zeigt der Tacho ordentlich über dreißig.

Selfie
Lacht sie oder weint sie? Sie weiß es selbst nicht.

Dann der Zieleinlauf. Die berühmte Mönckebergstraße. Eng abgesperrt, ordentlich Zuschauer, die Radau machen. Plötzlich bildet sich ein superfetter Kloß in meinem Hals der unweigerlich aufsteigt. Ich trete in die Pedale, damit ich sagen kann, dass die Tränen vom Fahrtwind kommen. Ziel. Ausrollen, ein paar hundert Meter um den Block. Finisher-Medaille einsammeln, Selfie machen, Breze essen. Fertig. Das war es. Ich habe es geschafft. Die Familie findet mich und gratuliert. Ich habe es tatsächlich geschafft. Ein Twitter-Kommentar fasst alles in kurzen Worten zusammen: Siehste wohl, geht doch!

Für die Statistik:

Offizielle Streckenlänge 56,7 km
Durchschnittliche Geschwindigkeit 28,18 km/h
Platzierung unter 992 Frauen 559
Platzierung unter 269 Seniorinnen 2 161
Platzierung unter allen 4841 Männern und Frauen 3716

(*) Der Anstieg war übrigens nicht der berüchtigte Waseberg sondern die Kösterbergstraße, die deutlich weniger steil ist und in der Rangliste der härtesten Steigungen um Hamburg nur auf Platz 28 liegt.

8 Gedanken zu „Siehste wohl, geht doch!“

  1. Liebe Alexandra,
    wow. Das hast du ja mal genial gemeistert 🙂
    Gratuliere dir ganz herzlich. Jetzt haste gesehen was du kannst und dann traust du dich das nächste mal auch an die längere Strecke 🙂
    Erfreue dich an deinem Erfolg.
    Haste dir verdient
    Liebe Grüße
    Helge

  2. Liebe Alexandra, “siehste wohl” ist bei näherer Betrachtung etwas kurz gegriffen. Vielmehr müsste es heißen: super gemacht!! Gerade mit den vielen Grübeleien im Vorfeld. Ich finde es schön, wenn das Erlebnis selbst dann alles auflöst. Wieder ein Stück weiter gekommen, oder? Ich hoffe, Du hast einen angemessenen Platz für Deine Medaille 🙂

    1. “Siehste wohl” trifft es perfekt, weil da so viel durchschmeckt. Ein bisschen “die Mühe hat sich gelohnt”, eine Prise “du machst dir aber auch immer zu viele Gedanken”, ein Hauch von “stell dich nicht so an” und ein guter Schuss “sei stolz auf dich”.

      Auf jeden Fall bin ich ein Stück weiter mit Medaille um den Hals. Im Bett und zum Duschen nehme ich sie ab.

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