Aufarbeitung

Seit über einer Woche bin ich nun wieder daheim. Und merkwürdig sprachlos. Aller unterfränkischer Unkenrufe zum Trotz fiel mir die Rückkehr ins bürgerliche Leben überhaupt nicht schwer. Im Gegenteil, der alte Trott war schnell wieder da. Plus, dass ich so richtig müde war, tagelang und ohne Grund eigentlich. Zehn Stunden Schlaf reichen meistens aus, den Tag gut durchzustehen. Aber nicht so letzte Woche. Erst am Freitag wache ich morgens auf und fühle mich frisch. Ich mutmaße, dass es die Höhenkrankheit ist. Immerhin war ich jetzt wochenlang quasi auf null Meter über Null, manchmal sogar darunter. Und jetzt plötzlich wieder auf über fünfhundert.
Allerdings ernte ich bestenfalls ein mitleidiges Lächeln, wenn ich diese Theorie verbreite. Vielleicht war es ja doch was anderes.

In meinem sozialen Umfeld waren ja einige regelmäßige MitleserInnen, und etliche andere haben es dann auch erfahren: “Warst du auch im Urlaub? Wo denn?” “In Deutschland. Fahrradtour.” “Aha, und wo genau?” “Bodensee-Nordsee, den Rhein entlang.” “Echt? Wahnsinn.” “Und dann noch ein bisschen an der Elbe zurück.”

Und dann erzähle ich Fakten, wenn sich das Gegenüber noch interessiert: Wie lang (drei Wochen), wie weit, (1.800 km) wie Wetter (wechselhaft), uns so weiter. Natürlich bin ich stolz, sehr sogar, und freue mich, wenn andere beeindruckt sind. Aber es kommt mir so unwirklich vor. So “nicht ich”.

Aber heute dann. 3sat hat Thementag Schöne Aussichten, und es läuft was über den Rhein. Als ich reinzappe sind die “Rhein-Wassermänner” schon in Basel. Und sofort bin ich gefesselt. Ich sehe tatsächlich Orte, Rheinbiegungen, Städte, die ich selbst neulich abfuhr. Immer wieder entfährt mir “Da, an dem Eck in Neuf-Brisach tranken wir den Café au lait.” oder “Die Fähre da wollte ich nehmen, aber die fuhr nicht.” oder “Oh, Karlsruhe ist ja ganz hübsch.  Hab ich gar nicht so gesehen.” Und der Kuckuck ruft mir auch aus dem Fernseher zu.

Auf einmal kommen die ganzen Erinnerungen hoch, die über das Foto-Anschauen oder den Kantinen-Plausch hinausgehen. Die Gefühle dieser Tage, die innerlichen und auch die am Sitzmuskel. Mir fällt ein, wie kalt und nass es war, und wie sehr ich mich dann auch wieder über Sonne freute. Ich fühle den Wind im Gesicht und den im Rücken. Sehe die überschwemmten Auwälder vor mir, und die Farbe der Flüsse, die ineinander fließen. Und auf einmal habe ich das Gefühl, dass ICH diese Radtour wirklich gemacht habe.

Links

Rheingold – Gesichter eines Flusses in der 3sat-Mediathek

2 Gedanken zu „Aufarbeitung“

  1. Liebe Alexandra,
    ich glaube die Tour musste sich bei dir erst so richtig setzen. Da waren die vielen, täglich neuen Eindrücke, die du erst mal alle im Nachhinein verdauen musst, die Anstrengung, die sich jetzt erst als Müdigkeit zeigt und die vielen, vielen Dinge abseits der Fakten, die dir die Erinnerung lebendig halten werden.
    Ich wünsche dir weiterhin gute Regeneration für Kopf und Körper! 🙂

  2. Liebe Alexandra,
    ja, du hast diese Tour wirklich gemacht. Und das ist schon echt ne Hausnummer 🙂
    Das du müde warst ohne Ende ist glaube ich normal. Das gleiche passiert auch wenn wir nach 2 Wochen Trainingslager zurück kommen. Da braucht der Körper einfach viel Energie für Muskelreparatur und all das Zeugs. Da wird der Kreislauf auf Sparflamme gesetzt und alles fühlt sich müde an.
    Also alles normal.
    Ruhe dich einfach gut aus und genieße das Gefühl, etwas großartiges geschafft zu haben 🙂
    Liebe Grüße
    Helge

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