Schlagwort-Archive: Radreisen

Grenzerfahrungen

Von Damnatz nach Wittenberge

Bisher war ich der Meinung,  dass die “andere”  Seite der Elbe Brandenburg ist.  Ich wurde ganz schnell eines besseren belehrt, als ich auf einmal in Mecklenburg-Vorpommern stand.  An jeder dieser Brücken und Fähren steht ein Schild,  das Tag und Stunde des Teilungsendes verkündet.  Leider steht nicht dabei,  ob beispielsweise an einem Dezembertag 89 abends um sechs ein paar Leute mit einem Boot über den Fluss sind,  oder was genau da passiert ist,  das die Trennung von Deutschland und Europa beendet hat.  Ich habe inzwischen schon drei oder vier dieser Schilder gesehen.

Mein Weg führt mich heute nach Osten,  manchmal auch Südosten.  Das weiß ich so genau,  weil genau aus dieser Richtung der Wind weht.  Habe ich “weht”  gesagt?  “Stürmt”  wäre der bessere Ausdruck.  So komme ich nur sehr langsam voran.  Aber ohne Wind wäre auch nicht gut,  weil es richtig sommerlich warm ist,  bestimmt über 25 Grad.

Der Elberadweg auf der mecklenburg-vorpommerschen Seite wird gerade restauriert, und die Radler werden auf Straße umgeleitet, was nicht weiter tragisch ist,  weil auch auf Bundesstraßen ganz wenig los ist.  Auch die Orte,  durch die ich komme,  sind ganz still und leise und leer.  Das finde ich zunächst ganz interessant und erholsam,  als sich aber der Hunger meldet und ich einen Bäcker oder irgendeinen Laden suche,  werde ich langsam nervös.  Es gibt keine Bäcker,  Metzger oder Tante Emma-Läden.  Nichts.

In Lenzen setze ich mit der Fähre über nach Niedersachsen und hoffe,  dort etwas Essbares erwerben zu können.  Erst am Gartower See gibt es eine Imbissbude.  Currywurst,  Döner oder Rhabarbereis.  Ich entscheide mich für letzteres,  was in dem Moment eine gute Idee ist,  aber leider nicht lange vorhält.

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Ohne Worte

Von Brietlingen nach Damnatz

Eigentlich wollte ich früh raus,  um vor den angekündigten Gewittern schon irgendwohin gekommen zu sein.  Als die Wecker-App dann um halb sieben klingelt,  regnet es draußen.  Kein Grund zur Eile also und nochmal umdrehen.  Um halb zehn,  als ich endlich im Sattel sitze,  ist es wieder trocken.  Ich fahre ein Stückchen zurück Richtung Lüneburg,  um endlich mal ein echtes,  großes Schiffshebewerk in Aktion zu sehen.  Ich bin beeindruckt. So richtige Schiffe,  beladen mit Containern,  fahren ganz langsam und ganz leise in dieses Gebäude.  Dann geht die Klappe zu,  der Lift fährt nach unten und sie fahren unten wieder raus.  Wer sich sowas ausdenkt, oder besser: wer sich als erstes getraut hat,  sowas zu denken.  Und ja,  ich weiß,  das ist ganz einfache Physik.  Aber trotzdem.

Physik ist auch die Gewitterfront,  die mir die  Regenradar-App anzeigt.  Zeit für Pinkie.  Es ist zwar nicht akut,  aber besser vorsehen als nachsehen.  Kurz danach regnet es,  nicht schlimm,  aber stetig für eine Stunde.

Als ich an der Elbfähre in Bleckede bin,  ist schon fast alles vorbei, und ganz vorbei ist es ein wenig später.  Es wird warm und wärmer, der Seitenwind ist kräftig aber lau.  Ich kann mich wieder entblättern.

Ich fahre auf der Ostseite,  also auf der Nordseite der Elbe,  im ehemaligen Osten, sozusagen.  Der Weg auf dem Deich ist glatt und es macht Freude zu fahren.

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Ilmenau? Ilmenau!

Von Hamburg nach Lüneburg

Dies ist wieder ein Tag in Begleitung.  Gestern konnte ich den Klassenkameraden überreden mich ein Stück des Wegs zu begleiten.  Das war überhaupt nicht schwer bei den Wetteraussichten.

Bevor ich zum verabredeten Treffpunkt komme,  fahre ich noch die Belohnung der gestrigen Mühen ein.  Es geht auf den ersten acht Kilometern locker sechs davon bergab.  Das sind die Harburger Berge,  die ich mich gestern hochgemüht habe.  Als es unten weitergeht,  merke ich,  dass ich meine GPS-Uhr nicht eingeschaltet hatte.  Ich weiß, dass ich gedrückt hatte,  es war aber wohl nicht stark genug. Seit der Radtour sind meine Hände eher schwächer als stärker geworden,  und ich habe wohl nicht ordentlich gedrückt.   Was ich mich schon mit Drehverschlüssen abgemüht habe und manchmal schier verzweifelt bin.

Der Kamerad,  nennen wir ihn der Einfachheit halber “Michael” , führt mich ortskundig durch Harburg an die Elbe.  Ganz in der Ferne sehen wir die riesen Kräne des Hamburger Hafens,  und stehen doch selbst mitten in der Pampa,  so scheint es.

Als wir die Elbe erreichen,  machen wir ein Päuschen,  weil ich fotografieren muss.  Derweil zieht der Michael ein Bierchen aus der Fahrradtasche. Eigentlich zwei,  aber ich lehne ab. Ich vertrage Alkohol nur unter bestimmten Umständen,  und der Beginn eines Fahrradtages gehört bestimmt nicht dazu.  Ich will  jedoch nicht als Spaßbremse dastehen,  also ziehe ich mein Faltgeschirr aus der Tasche,  und nach ein bisschen Origami bekomme ich ein bisschen Bier eingeschänkt.  Wirklich praktisch.

Weiter an der Elbe stellen wir fest,  dass es gar nicht mal so schön ist, unten am Deich an der Straße zu fahren und von der Elbe nichts zu sehen.  Dank meiner intensiven Vorbereitung der letzten Wochen und Monate fällt mir irgendwann ein Schild zum Ilmenau-Radweg auf.  Die Ilmenau ist der Fluss,  der durch Lüneburg fließt und in die Elbe mündet.  So weit ich weiß,  weder verwandt noch verschwägert mit dem Ilmenau in Thüringen. Und weil Lüneburg sowieso unser Ziel ist,  disponieren wir spontan um und folgenden der Ilmenau. Und das war eine wirklich gute Entscheidung.  Dieser Tag war landschaftlich und radwegisch einer der schönsten Abschnitte meiner Tour.  Und das lag nicht nur am grandiosen Wetter.  Die Dörfer so putzig wie in einem Museum.  Am liebsten hätte ich viel mehr fotografiert,  aber vor vielen der schönen Häuser werkelten die Bewohner im Garten.  Da wollte ich dann doch  nicht. Ilmenau? Ilmenau! weiterlesen

Im Wald

Von Bremerhaven nach Hamburg-Sieversen

Heute ging es durch den Wald.  Schon wieder unerwartet.  Ich stelle mir ja immer vor,  wie der Weg vor mir sein wird,  und Wald kam da nicht vor.  Das zeigt wieder deutlich,  wie wenig ich Deutschland eigentlich kenne.  Ich reise gerne und gerne auch in andere Länder,  aber inzwischen finde ich immer mehr Gefallen an Urlaub in Deutschland.  Spießig?

Der Tag in Bremerhaven fängt mit einem grandiosen Frühstück an. Ich hatte mir ja zur Feier des Tourziels ein hübsches Hotel geleistet, Zimmer im achten Stock mit Blick aufs Wasser.  Das Frühstück war auch unglaublich.  Gut,  dass ich zur Zeit eine gute Ausrede habe, ordentlich zu frühstücken: Ei, Fisch,  gegrillte Tomaten, Bierchermüsli.  Nur den Butter-Automaten habe ich leider nicht als solchen erkannt.

Weil ich gestern Abend schon eine recht rote Birne hatte,  auch ohne direkte Sonneneinstrahlung,  schmiere ich mich ordentlich ein. Es soll ja heute noch schön werden.  Momentan ist allerdings noch Nebel.  Der Nebel verdichtet sich bald zu Nebelniesel und wäscht mir die Sonnencreme in die Augen.  Das brennt ganz ordentlich und treibt mir Tränen die Augen.  Ich sehe wenig,  kombiniert mit dem feinen Tropfenmuster auf der Brille,  bin ich eine Gefahr für mich und den Straßenverkehr.  Die Nivea Sonne auf meinen Beinen sammelt inzwischen die Botanik der Straße.  Ich lass das Zeug dran,  weil ich hoffe,  dass es trocknet und sich dann einfach abwedeln lässt.  Ist aber nicht so und deshalb fahre ich den ganzen Tag mit gepunkteten Beinen.

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Geschafft!

Von Oldenburg nach Bremerhaven

Es ist vollbracht: Bodensee – Nordsee.  Ich habe es geschafft.  Es ist schier unglaublich.  Vor genau vierzehn Tagen fuhr ich in der Schweiz los.  Unter widrigsten Umständen.  Und dann fuhr ich einfach weiter.  Ein bisschen wie Forrest Gump,  der einfach weiterläuft.  Und wie er mache ich es auch.  Ich komme zur Küste und drehe um.  Nur gut, dass unsere Küsten nicht so weit voneinander entfernt sind.

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Geradlinig durch das Artland

Von Ankum nach Oldenburg

Ich fürchte,  dieser Beitrag wird überhaupt nicht spektakulär,  weil es der Tag auch nicht war.  Das war nämlich,  leider muss ich das zugeben,  ein Ich-muss-von-A-nach-B-Tag.  Und irgendwie passte die Landschaft zu diesem Auftrag.  Die war nämlich auch sehr ähnlich. Lange,  gerade Straßen durch die Gegend.  Und wenn ich lang und gerade schreibe,  dann meine ich das auch.  Das eine Mal waren gut zehn Kilometer geradeaus.  Allenfalls mal ein Kreisverkehr. Rechts und links Felder,  mal ein Haus,  wenig Bäume und immer mal wieder Pferde auf der Weide. Das macht es übrigens recht schwer,  sich mal unbemerkt in die Büsche zu schlagen.  Wenn Bäume oder Büsche da waren,  versteckten sie oft ein Wohnhaus. Geradlinig durch das Artland weiterlesen

Ein ständiges Auf und Ab

Von Münster nach Ankum

Nach meinem Ruhetag gestern bin ich heute also wieder on the road. Allerdings etwas später als gewünscht, weil ich noch warten musste, bis der Waschsalon um neun aufmacht.  Ich hatte gestern einen kleinen aber essentiellen Teil meiner Ausrüstung dort vergessen.

Mein Plan ist es,  den Dortmund-Ems-Kanal bis zur Ems zu fahren und mir dort die Flusskreuzung anzusehen.  Den Kanal finde ich schnell,  nur ist der Weg erstmal gesperrt wegen einer Baustelle und ich vollführe wieder eine meiner Desorientierungsfahrten.  Es hat schon seinen Grund,  dass ich diesen Urlaub hauptsächlich entlang gut ausgeschilderten Radwege mache.  Mich kann man nicht einfach so irgendwohin schicken.

Irgendwann treffe ich den Kanal wieder,  allerdings ist der ausgeschilderte Kanalradweg ein Witz.  Ob den Machern des Weges der Kanal zu geradlinig ist?  Der zugehörige Radweg ist es jedenfalls nicht,  macht Schlenker rechts und links und nimmt so ungefähr jedes Kaff entlang des Kanals mit.  Und ich mache auch mit,  weil es ja sein kann,  dass der Weg direkt am Kanal mal nicht befahrbar ist. Und nix ist schlimmer als einen Weg zurück zu müssen. Die Kreuzung  von Kanal und Ems kann ich auch nur von weitem sehen. Wieder eine Baustelle.

Weil er so schön ausgeschildert ist,  schließe ich mich dem Emsradweg an,  nur um ihn kurz danach gleich wieder zu  verlieren. Die Ems ist nördlich von Münster noch kein ernstzunehmender Strom.  Und so kommt es auch,  dass ihr Radweg nicht direkt an ihrem Ufer entlang geführt werden kann,  sondern auch durch die anliegenden Dörfern.  Was natürlich wieder zu Um- und Abwegen führt.  Mir wird das bald zu doof.  Ich bin da eher für Geradlinigkeit. Außerdem will ich morgen in Oldenburg sein.  Da muss ich Kilometer machen und nicht so durch die Gegend schwänzeln.

Also lasse ich komoot ran: Quasi Luftlinie von hier nach Oldenburg geplant.  Kopfhörer rein und führen lassen.  Es ist schön, an der Hand genommen zu werden, und es ist schön,  dass mal wieder jemand mit mir spricht.

Der direkte Weg führt von Süd nach Nord durch Ibbenbüren.  Eine der letzten Bergbaustädte,  wie ich später lerne.  Und über den Schafberg,  der im Norden der Stadt liegt.  Dieser Berg ist eher ein Höhenzug und verdammt steil.  Irgendein Witzbold hat die Straße über den Berg auch noch Alpenstraße genannt.  Aber irgendwann bin ich oben und schaue am Kraftwerk vorbei in die Landschaft vor mir.  Hübsch wellig,  denk ich noch,  und wundere mich,  wo diese Wellen herkommen.  Auch das lerne ich in der Nachbereitung des Tages: Es ist das Osnabrücker Hügelland.  Und dieses Hügelland ist wirklich schön.  Sehr leer.  Große Felder,  ein paar Wäldchen,  ab und an ein Bauernhof,  kräftige Aromen und jede Menge Rhododendron. Meterhohe Hecken,  in voller Blüte.  Ich suche eine Farbe,  die zu Pinkie passt,  finde aber kein passendes Motiv.

Apropos Pinkie,  ja,  ich habe sie heute irgendwann aus der Tasche gekramt,  weniger wegen Regen, der nicht so schlimm war.  Mehr gegen die Kälte.  Auf den Beinen habe ich zunächst meine Fleecejacke liegen.  Die reicht aber irgendwann nicht mehr,  ich ziehe meine lange Laufhose drüber.  Es ist soo kalt.  Nur um die zehn Grad und es wird einfach nicht wärmer im Laufe des Tages. Immerhin bläst mir der Wind nicht dauernd ins Gesicht,  meist kommt er  von schräg hinten.

Heute habe ich übrigens eine weitere Grenze überschritten.  Einige waren es schon,  ich habe sie nur nicht erwähnt.  In Mainz war es der 50. Breitengrad.  Kurz vor Düsseldorf die Benrather Linie,  die mir als Reisende durch das deutsche Dialektkontinuum besonders am Herzen liegt.  Und heute dann die Aldi Nord/Süd-Grenze.

Mein Ziel ist Ankum im Osnabrücker Land.  Mein Zimmer heißt Schwalbennest und befindet sich auf einem schönen Bauernhof. Von hier ist es nicht mehr weit nach Oldenburg.  Und von Oldenburg ist auch nicht mehr weit  zur Nordsee!!

 

Daten des Tages #12
Strecke 100,0 km
Zeit 6:11 h
Ø 16,16 km/h
Höhenmeter ↑ 601 m, ↓ 619 m
Track Strava
Flüsse Dortmund-Ems-Kanal
Knüller des Tages Abfahrt von der Ibbenbürener Bergplatte ins Osnabrücker Hügelland

Gammeln in Münster

In Münster

Viel zu berichten gibt es nicht, was aber auch so geplant war.

Nach dem Frühstück schleppe ich mich in die Stadt, um das wichtigste für den Gammeltag und für folgenden Tage zu besorgen. Auf die Unistadt Münster ist Verlass. Ich finde gleich mehrere Bioläden und decke mich mit gesundem Zeug ein.

Weil meine Beine, um Gegensatz zum Kopf, schon voll auf Ausruhen eingestellt sind, verkommt die Stadtbesichtigung zu einem pflichtschuldigen Geschlurfe, ehe ich mich in mein Zimmer zurückziehe.  Erst gegen Abend kann ich mich aufraffen zum Waschsalon. So gibt zum Glück einen um die Ecke, und der scheint auch noch Teil eines inklusiven Projekts zu sein. Schöne Idee und guter Kaffee.

Morgen darf mein Rad wieder aus seiner Einzelhaft und es geht weiter.  Freu mich schon!

Ruhrgebiet, ich steh auf dihich

Von Duisburg nach Recklinghausen

Oberhausen,  Bottrop,  Essen,  Gelsenkirchen, Recklinghausen sind Orte auf meinem heutigen Weg.  Ich entschied mich gegen Xanten und für das Ruhrgebiet.  Was ist schon Xanten?  Außer,  dass dort der Siegfried herkommt und es die einzige deutsche Gemeinde ist, deren Name mit X anfängt.  Also verabschiede ich mich offiziell vom Rhein, seinem Radweg Euro Velo 15 und suche die Emscher.  Sie soll mich durch das Ruhrgebiet führen.  Ich finde sie recht schnell dank Google Maps und ihren Geruchs.  Deshalb dies hier:

Offener Brief an einen Fluss:

Liebe Emscher,  ich grüße Dich. Als ich mich entschloss,  dich zu besuchen und nicht die Lippe,  deren Tourismusverband mächtig aktiv ist,  wusste ich nur wenig über dich.   Eigentlich nur,  dass du einen Radweg hast,  eine Website und ein ganz schlechtes Image.  Seit heute weiß ich,  dir geht es nicht gut.  Deine Wächter sprechen von “offenem Abwasserkanal” und “Meideraum”,  wenn sie von Dir sprechen.  Und sie haben leider Recht.  Man riecht dich. Natürlich kannst du nichts dafür.  In der Zeit,  in der sie dich in dein Korsett gesteckt haben,  wurden Flüsse hauptsächlich zur Entsorgung oder Versorgung missbraucht.   Aber deine Wächter,  die sich jetzt Flussgebiet-Manager nennen,  wollen Dir helfen.  Sie haben den Weg angelegt mit vielen und großen Schildern.  Sie installieren Kunstwerke entlang deiner Kanalböschungen,  und sie werden dich umbauen.  Aus dir soll ein Lebensraum werden,  für Mensch und Natur.  Das dauert ein paar Jahre,  aber es ist eine schöne Aussicht.  Dann kehren deine Flussgeister auch wieder zurück.  

Solche Sachen gehen einem durch den Kopf,  wenn man tagelang allein ist.  Der Emscher-Weg führt aber nicht nur am Abwasserkanal entlang.  Es ist eigentlich ein sehr schöner Weg,  quer durchs Ruhrgebiet und hauptsächlich im Grünen.  Oder durch Siedlungsgebiet,  das manchmal sehr dörflich  anmutet. Viel ist bunt, olle Brücken leuchten in grellen Blau,  Kunst steht überall herum. Wo bin ich nochmal?  Ruhrgebiet?  Meine süddeutsch-überheblichen Vorurteile schmelzen dahin,  und ich werde innerlich kleinlaut. Irgendwie ist mir heute sowieso ein bisschen weinerlich zumute. Vielleicht liegt es am Wetter.  Es ist schwül-warm,  trotz des starken Windes.  Die Gewitterfront hinter mir macht mir Angst.  Mein Kreislauf ist nicht auf der Höhe,  mir schläft abwechselnd ein Fuß oder eine Hand ein,  und ich muss regelmäßig gähnen.  Kein gutes Zeichen. Aber der Wind macht Spaß.  Ich fahre einfach,  bis ich nicht mehr kann,  und dann sehen wir weiter.

Ich glaube,  es war in Bottrop,  da gerate ich in den VivaWest-Marathon,  Kilometer 24. Die Läufer sind noch nicht da,  aber die Versorgungsleute sind so nett und drücken mir eine Banane in die Hand (keine gute Idee). Kurze Zeit später sehe ich die Läufer,  sie sind erst bei Kilometer 15. Vor malerischer Kulisse trommeln japanische Ruhrgebietstrommler den Takt.  Große Laufveranstaltungen machen mir ja sowieso schon regelmäßig Gänsehaut,  und wenn dann noch große Trommeln dazukommen, kann es schon sein,  dass ich die Fassung verliere.  Bevor das hier passiert,  verlasse ich die Läufer und suche meine Emscher wieder. Sie holt mich mit ihrem irdischen Geruch wieder in die Realität.

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Der Südwind macht’s

Von Köln nach Duisburg-Marxloh

Köln am frühen Samstagmorgen auf der Rheinpromenade: Fest in Frauenhand. Noch nie habe ich so viele Joggerinnen gesehen,  relativ gesehen.  Schön. Kurz hinter der großen Stadt wird es schnell ländlich.  Der Weg führt auf dem Deich entlang,  der Rückenwind weht ordentlich.  Nur Rennräder sind schneller als ich.  Insgesamt bin ich erstaunt über meine Kondition.  Dass sie in einer Woche so zugelegt hat.  Anstiege,  Brücken oder so,  hätte ich vor einer Woche noch geschoben,  jetzt schaffe ich sie sogar,  wenn ich mich verschaltet habe und im falschesten Gang trete.  Erstaunlich.
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